Aus Anlass des 500. Reformationsjubiläum in Hessern

 Im Gemeindebrief der Erlöserkirchengemeinde Bad Homburg schreibt Pfarrer Andreas Hannemann im Herbst 2026 im Rückgriff auf ein Interview mit Jürgen Moltmann:

"[...] Was Moltmann vor einigen Jahren sagte, ist für mich auch in unserem jetzigen Jubiläumsjahr eine absolute Ansage. Moltmann sprach genau das an, worum es in der Reformation im kirchlichen Geschehen im Kern ging: 'Kirche funktioniert auch ohne Landeskirchen, Ämter und die vielen Referenten. Die Bürokraten behindern und lähmen die Arbeit vor Ort.' Wachstum, Veränderung und Mission seien keine Aufgaben der Landeskirchen von oben, sondern der Christen von unten. 'Provokant gesagt: die Zukunft der Kirche ist freikirchlich', empfahl Moltmann. Zur Erläuterung sei von mir ergänzt: Unter 'freikirchlich' verstand Moltmann durchaus Organisationsformen innerhalb der Landeskirche, wie wir sie auch in der Erlöserkirche erleben – es geht ihm um eine Profilierung vor Ort und eine bewusste, aktive Zugehörigkeit zu einem Kirchenort.
Des Weiteren forderte Moltmann eine Wiederentdeckung des Missionarischen: Das Dialogische ist so langweilig. Die Kirchen müssten sich wieder mutig um die Weitergabe des Glaubens kümmern. Wir lebten in einer Kultur der Risikolosigkeit. Alle Risiken werden so lange in Ausschüssen besprochen, bis sie kein Risiko mehr darstellen.' Wenn man aber ausschließlich auf Konsensfähigkeit aus sei, blieben nur angepasste Typen ohne Ecken und Kanten übrig, so Moltmann.
Die Reformatoren – ob ein Martin Luther oder die treibenden Kräfte hier in Hessen – waren solche Typen mit Ecken und Kanten. Nicht angepasst, risikobereit für das Evangelium einzustehen. Ihre Fehler und dunklen Seiten sind uns hinlänglich bekannt. Doch gerade sie belegen deutlich, wie wichtig es ist, 'sola gratia' – allein aus der Gnade - zu leben.
Sie wussten darum, dass sie selbst auf die Gnade Jesu angewiesen sind und dass auch die Kirche allein aus der Gnade Gottes heraus bestehen kann. Gott ist es, der den Bau seiner Kirche vorantreibt. [...]"

Meiner Meinung nach ist diese Betrachtung von Hannemann wichtig und wertvoll. Der Hinweis, dass die Reformation gerade deshalb erfolgreich war und 500 Jahre Bestand hatte, weil Luther sich für ihren Schutz in fürstlichen Landeskirchen entschieden hat, ist der eines Historikers und dient nicht der Verlebendigung des kirchlichen Lebens.

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