Differenzbewusstsein (zusammengefasst von Gemini)
Thomas M. Schmidt, ein renommierter Religionsphilosoph, verwendet den Begriff Differenzbewusstsein vor allem im Kontext des Verhältnisses von Religion und säkularer Vernunft in modernen, pluralistischen Gesellschaften.
Einfach ausgedrückt beschreibt es die Fähigkeit, Unterschiede (Differenzen) nicht nur wahrzunehmen, sondern sie als notwendigen Bestandteil einer demokratischen Ordnung anzuerkennen, ohne die eigene Identität aufzugeben.
Hier sind die Kernaspekte seiner Definition:
1. Das Verhältnis von Glauben und Vernunft
Schmidt baut oft auf den Überlegungen von Jürgen Habermas auf. Differenzbewusstsein bedeutet hier, dass sowohl religiöse als auch säkulare Bürger anerkennen, dass es eine unüberbrückbare Differenz zwischen religiöser Überzeugung und allgemeiner, öffentlicher Vernunft gibt.
Für Gläubige: Sie müssen akzeptieren, dass ihre religiösen Wahrheiten in einer politischen Debatte übersetzt werden müssen, um für alle (auch Nicht-Gläubige) zugänglich zu sein.
Für Säkulare: Sie müssen anerkennen, dass religiöse Beiträge einen Gehalt haben können, der sich nicht sofort in rein rationale Logik auflösen lässt, aber dennoch wertvoll für die Gesellschaft ist.
2. Anerkennung des „Anderen“
Im Sinne Schmidts ist Differenzbewusstsein eine Absage an den Versuch, alle Menschen auf eine einheitliche Weltanschauung einzuschwören. Es geht darum:
Die Fremdheit des Gegenübers stehen zu lassen.
Zu verstehen, dass Pluralismus kein Fehler im System ist, sondern eine Grundvoraussetzung der Moderne.
3. Reflexive Distanz
Ein zentrales Element ist die Reflexion. Differenzbewusstsein verlangt von Individuen, eine gewisse Distanz zur eigenen Position einzunehmen. Man ist sich bewusst, dass die eigene Sichtweise nur eine von vielen möglichen ist. Dies verhindert Fundamentalismus, da die eigene Wahrheit nicht mehr als absolut und für jeden verbindlich gesetzt wird.
Zusammenfassung
Für Thomas M. Schmidt ist Differenzbewusstsein die Voraussetzung für einen stabilen gesellschaftlichen Zusammenhalt. Es ist die Kompetenz, mit der Spannung zu leben, dass wir in einer Welt voller widersprüchlicher Überzeugungen existieren, ohne diese Unterschiede gewaltsam oder durch Assimilation auflösen zu wollen.
Wichtig: Es handelt sich nicht um bloße Toleranz (im Sinne von „ertragen“), sondern um eine kognitive Leistung, die die Vielfalt als strukturelles Merkmal der Vernunft begreift.
Der Zusammenhang zwischen dem Differenzbewusstsein (ein Kernbegriff des Philosophen Burghart Schmidt) und der Diskursethik von Jürgen Habermas lässt sich am besten als ein Spannungsverhältnis zwischen der Suche nach Konsens und der Anerkennung von Unvereinbarkeit beschreiben.
Während Habermas darauf setzt, dass vernünftige Argumentation Gegensätze überwinden kann, betont Schmidt, dass echtes Bewusstsein gerade darin besteht, die bleibenden Unterschiede (Differenzen) auszuhalten, ohne sie sofort in einem Kompromiss aufzulösen.
1. Habermas: Die Kraft des Konsenses
In der Diskursethik von Habermas ist das Ziel des Gesprächs die Verständigung.
Das Ziel: Durch den „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“ soll ein Konsens gefunden werden, dem alle Betroffenen zustimmen können (Universalisierungsgrundsatz).
Die Annahme: Vernunft ist ein verbindendes Element. Wenn wir alle Barrieren (Macht, Manipulation) weglassen, können wir uns auf eine gemeinsame moralische Wahrheit einigen.
2. Schmidt: Das Differenzbewusstsein
Burghart Schmidt (oft im Kontext der Philosophie von Ernst Bloch und der Postmoderne rezipiert) vertritt eine skeptischere Sicht auf diesen „Einheitszwang“.
Der Kern: Differenzbewusstsein bedeutet zu erkennen, dass es in einer pluralen Welt Unterschiede gibt, die nicht wegzudiskutieren sind.
Widerstand gegen Vereinnahmung: Schmidt warnt davor, dass ein erzwungener Konsens oft die Perspektive von Minderheiten oder das „Andere“ unterdrückt. Wahres Bewusstsein zeigt sich für ihn darin, die Differenz als solche wahrzunehmen und stehen zu lassen.
Der direkte Zusammenhang: Kritik und Ergänzung
Man kann Schmidts Differenzbewusstsein als eine kritische Korrektur oder Ergänzung zur Habermas’schen Theorie lesen:
| Aspekt | Diskursethik (Habermas) | Differenzbewusstsein (Schmidt) |
| Fokus | Suche nach dem Gemeinsamen (Identität). | Anerkennung des Unvergleichbaren (Differenz). |
| Gefahr | „Konsenszwang“ – Das Abweichende wird als unvernünftig aussortiert. | „Zersplitterung“ – Man findet keine gemeinsamen Regeln mehr. |
| Umgang mit Dissens | Dissens ist ein Problem, das durch mehr Diskurs gelöst werden muss. | Dissens ist eine Realität, die als Ausdruck von Freiheit respektiert werden muss. |
Zusammenfassend: Schmidt wirft Theorien wie der von Habermas indirekt vor, die Welt durch die Brille der Logik zu sehr „glattzubügeln“. Das Differenzbewusstsein fordert dazu auf, im Diskurs nicht nur nach dem zu suchen, was uns eint, sondern auch das zu respektieren, was uns trennt. In einer modernen Demokratie brauchen wir vermutlich beides: Die Regeln von Habermas, um handlungsfähig zu bleiben, und Schmidts Differenzbewusstsein, um dabei nicht intolerant gegenüber Vielfalt zu werden.
Kommentare
Kommentar veröffentlichen