Herbart oder das reale "Ding an sich"

 

Johann Friedrich Herbart: Die Mechanik des Bewusstseins               FR  4.5.2026

"[...] Im Idealismus vermisste Herbart die Anerkennung der objektiv gegebenen, realen Außenwelt, die er in erfahrungswissenschaftlichen Theorien vorfand und fortan mit aufklärerischem Gestus propagierte. [...]
Unter Herbarts Realismus versteht man seine Annahme von sogenannten Realen als letzten, absolut einfachen und nichtausgedehnten Bestandteilen alles Seienden. Die Realen weisen jeweils nur eine einzige einfache Qualität auf. Durch ihr nach Selbsterhaltungsgesetzen reguliertes Verbinden und Trennen bilden sie in einer an Leibniz’ Monaden oder einfache Substanzen erinnernden Weise die komplexe Wirklichkeit. Seinen eigentlichen Anwendungsbereich findet der Ansatz der Realen in Herbarts Psychologie. Im Wahrnehmungsprozess wird demnach die Seele, die selbst ein absolut einfaches Reale ist, von Realen ihrer unmittelbaren Umgebung durchdrungen. Das veranlasst sie zur Selbsterhaltung ihrer Qualität gegenüber den von umgebenden Realen ausgehenden störenden Einflüssen. Diese Selbsterhaltung ist vom Bilden von Vorstellungen begleitet, sodass das psychische Geschehen insgesamt als Vorstellungsgeschehen beschreibbar wird.

Herbart will das heterogene Gemisch unserer Vorstellungen erklären, die sich anziehen oder abstoßen und so gleichsam Konkurrenzen austragen. Indem er von der Statik und Mechanik der Vorstellungen spricht, nutzt er absichtsvoll eine physikalische Terminologie. Einmal gebildete Vorstellungen beharren auch dann, wenn der Anlass ihres Entstehens nicht mehr präsent ist. [...] Derartige Prozesse beschreibt Herbart wiederum unter Anklang an Leibniz mittels des Begriffs der Apperzeption, d. h. des bewussten Erfassens. Die Gesamtheit der Vorstellungsmechanik sieht Herbart nicht etwa durch qualitative Seelenvermögen nach Art älterer Theorien bis hin zu Kant bestimmt. Im Zentrum seines Ansatzes stehen vielmehr quantitative, mathematisch fassbare Intensitätsverhältnisse zwischen den konkurrierenden Vorstellungen.

Das psychische Geschehen mit seiner Abfolge von Selbstbehauptungsakten, Störungen und wiederum Reaktionen auf Störungen stellt sich insgesamt als Mechanik des Bewusstseins dar, bei dem die reaktiven gegenüber den spontanen Vorgängen dominieren. Seelen tendieren dazu, die im Wechselspiel der Störungen beeinträchtigte Balance wiederherzustellen. [...]

Aufgaben der Psychologie sind für Herbart die Ermittlung der Gesetzmäßigkeiten des Zusammenspiels von Vorstellungen und die Darstellung jenes Zusammenspiels mithilfe der Mathematik, und zwar in enger Analogie zu den Grundgesetzen der Physik. Dokument dieses Ansatzes ist sein Hauptwerk „Psychologie als Wissenschaft, neu gegründet auf Erfahrung, Metaphysik und Mathematik“ (1824/25). Schon der Titel zeigt an, dass im Unterschied zu anderen szientistischen Konzeptionen hier nicht Erfahrungswissenschaft und Mathematik zu Lasten der Metaphysik verabsolutiert werden, sondern dass alle drei Wissenschaftskomplexe zusammenwirken. [...] Einerseits hatte Kant der Psychologie den Wissenschaftscharakter abgesprochen, da die Mathematik auf sie nicht anwendbar sei, worüber Herbart sich hinwegsetzt. Andererseits mag Herbart mit seiner erfahrungswissenschaftlich orientierten Psychologie in konstruktiver Absicht auf Kants Forderung nach einer empirischen Seelenlehre reagiert haben, um den Menschen in seiner konkreten Existenz verstehbar zu machen. [...]" (Christoph Kann)

Prof. Dr. Christoph Kann (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf)  ist ein deutscher Philosoph und Hochschullehrer. Er lehrt vor allem Theoretische Philosophie und Geschichte der Philosophie. Seine Forschung umfasst oft die antike Philosophie (insbesondere Platon), die mittelalterliche Philosophie sowie Sprachphilosophie und Ontologie.verbunden.


Herbart (Wikipedia)
"[...] Umriss pädagogischer Vorlesungen (1841): Herbart gilt als einer der Begründer der modernen Pädagogik als Wissenschaft. Ausgehend vom Begriff der Bildsamkeit des Menschen versuchte er, Erziehung und Unterricht theoretisch zu untermauern. Herbart gilt als Pionier in der Entwicklung einer auf der Psychologie basierenden systematischen Theorie zum Lernen und Lehren; er entwickelte eine komplexe Methodenlehre, die sogenannte Formalstufentheorie. [...]
So stellt sich Herbart ausdrücklich gegen einen autoritären Erziehungsstil und auch eine affirmative Pädagogik, aus heutiger Perspektive und ermuntert den Unterricht zu einem Ort, in dem die Schüler durch „Aufforderung zur Selbsttätigkeit“ (Dietrich Benner) ermuntert werden und ihre charakterliche Entwicklung vollziehen können. Der Lehrer tritt hier in ein Unterstützerverhältnis. Er soll dem Schüler Anstösse/Denkanstösse geben. Der eigentliche Lernprozess kann aber nur vom Edukanden (Schüler) selbst vollzogen werden. [...]
Herbarts philosophische Arbeiten hatten einen gewissen Einfluss auf den Göttinger Mathematiker Bernhard Riemann, wie sich dessen Exzerpten Herbartscher Werke entnehmen lässt.[2] Wie Riemann selbst schreibt, war er „Herbartianer in Psychologie und Erkenntnistheorie (Methodologie und Eidologie)“ [...]"

Die Vorstellungsmechanik bezeichnet einen Begriff, der im engeren Sinne zur Kennzeichnung der Psychologie bei Johann Friedrich Herbart verwendet wird.

Die Grundelemente des Psychischen sind nach Herbart die Vorstellungen. Diese werden als substantielle, relativ selbständige Einheiten aufgefasst, die nach Selbsterhaltung streben. Als solche treten sie zueinander in bestimmte Beziehungen, die als Prozesse der Verschmelzung, Verstärkung und Hemmung beschrieben werden.

Vorstellungen mit schwacher Intensität werden unter die "Schwelle" des Bewusstseins hinabgedrückt. Erstmals in der Psychologie wird die Statik und Mechanik der Vorstellungen von Herbart in mathematischen Formeln dargestellt. Er unternimmt damit den Versuch, die Assoziationslehre der englischen Empiristen zu mathematisieren.

Das Experiment lehnt Herbart als psychologische Methode ab; auf physiologische Daten verzichtet er. Mit seiner Vorstellungsmechanik bedient er sich des in der Psychologie der Folgezeit dominierenden Assoziationsprinzips (Assoziationspsychologie). Die Abstufung verschiedener Bewusstseinsgrade der Vorstellungen brachte ihm den Ruf ein, Vorläufer der Psychoanalyse zu sein.

Insgesamt kommt in Herbarts Konzeption zwar das Streben zum Ausdruck, die Psychologie zu einer selbständigen, erklärenden Wissenschaft umzugestalten, jedoch konnten diese Intentionen im Kontext der Herbartschen Philosophie nicht hinreichend realisiert werden. (Wikipedia)

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